Donnerstag, 24. November 2011

Wie gekauft...


Als ich meine neue, selbstgestrickte Weste das erste Mal anhatte und vor dem Spiegelstand hatte ich spontan „Wie gekauft ..“ im Kopf. Lustiger weise war das auch genau die Reaktion meines Mannes und später dann die meiner Tochter.

Ich musste schmunzeln und dachte an meine Schulzeit und an folgende Geschichte.

Wie ich hier schon mal erwähnt habe, habe ich eine Modeschule besucht. Das war in den 70er Jahren und wer sich jetzt eine besonders kreative und ausgeflippte Schule vorstellt liegt völlig falsch. Die Schule war eher wie ein Mädchenpensionat im 19. Jahrhundert. Altbacken und mit sehr genauen Regeln und sehr strengen Lehrern.

Im ersten Jahr hatten wir im Werkstattunterricht die in der Schule am meist gefürchtet Lehrerin. Ihre Aufgabe war die Klassenschülerzahl zu reduzieren so dass nur die wirklich guten und engagierten übrigbleiben. Bei unserer Klasse war das von 28 auf 12. Der Umgangston der da herrschte würde heute in keiner Schule geduldet werden.

Die Werkstattstunden nahmen einen großen Teil des Unterrichts ein und am Ende jeder Einheit standen wir Schülerinnen, in weißen Arbeitsmänteln andächtig um den Lehrertisch und alle Arbeiten wurden von der Lehrerin beurteilt. Im günstigsten Fall wurde sie kommentarlos zurück gegeben. Das reizte nicht die anderen Schülerinnen und die Lehrerin auch nicht. Dumm war wenn die Arbeit mit der großen Zuschneideschere durchgeschnitten wurde. Diese Arbeit hatte nicht den Maßstäben der Lehrerin genügt. Zum Glück ist mir das nie passiert. Einmal hob die Lehrerin eine Arbeit besonders hervor und lobte die Gleichmäßigkeit der Stiche. Was eine unglückliche Mitschülerin zu dem spontanen Ausruf verleitete: „Wie mit der Maschine“ Mehr haben wir nicht gebraucht, die Lehrerin brüllte mit überschnappender Stimme einen längeren Vortrag. Botschaft war in Kürze: „ Die Handarbeit ist in jedem Fall das Maß aller Dinge und sozusagen die Richtschur für alles was mit der Maschine gemacht wird und keinesfalls umgekehrt“

Es kann sich niemand vorstellen wie oft ich an diese Szene denke. Sie ist für mich immer gegenwärtig, bei jeder Beurteilung von genähtem, gestricktem und allem anderen Selbstgemachten.

Natürlich ist die Handarbeit das Original und somit der Maßstab und dennoch bin ich manchmal verleitet zu denken „Wie mit der Maschine gemacht“ oder als Erweiterung „Wie gekauft“. Was macht nun meine Weste zu einem "Wie gekauft" Stück? Für mich macht aus, dass die Weste dünn ist, doch warm aber leicht unter den Mantel paßt.

Leider haben meine Handstricksachen oft so einen Anmutung von Skipullover so dicke, klobige Teile was ich überhaupt nicht Leiden kann. Solche Pullover habe ich zwar auch schon gekauft aber das absolute "Wie gekauft" Gefühl ist für mich wenn die Stricksachen dünn sind.

Kommentare:

Lucy in the Sky hat gesagt…

Stimmt, diese Jacke sieht wirklich so dünn, glatt, exakt und perfekt aus,. dass man sagen möchte "wie gekauft": Interessant auch, dass sich die Ansichten darüber, was Handarbeit ausmacht, im Laufe der Zeit so gewandelt haben. Mittlerweile wird "Handarbeit" ja im allgemeinen mit weniger Perfektem, Unregelmäßigem in Verbindung gebracht, es gilt als menschlich, seelenvoll, das maschinell Hergestellte als zwar fehlerlos, aber eben auch seelenlos. Handarbeit muss heutzutage weniger perfekt sein, um als Handarbeit anerkannt zu werden. Liegt wahrscheinlich daran, dass wir Handarbeit mit einem Anspruch wie in deiner Modeschule heute nicht mehr vor Augen haben, wenn wir an Handarbeit denken.

viele Grüße! Lucy

Wienermädel + Co hat gesagt…

Wie gekauft ist in diesem Falle auf jeden Fall ein Kompliment, sie ist (beneidenswert) schön geworden, sieht wirklich nicht wie selbst gemacht aus, einfach toll.
Liebe Grüsse und schönen 1. Advent